Die FPÖ möchte nach einem Wahlsieg die Volkskultur stärker fördern. Dagegen gibt es heftige Proteste von Künstlern. Das zeugt von einem schwachen Selbstverständnis

NZZ VOM 20.09.2024 / von Roman Bucheli

https://www.nzz.ch/meinung/fpoe-droht-mit-umbau-der-kulturfoerderung-und-die-kuenstler-heulen-und-zittern-ld.1848712

Der Revolutionär mit Sturmhaube: Milo Rau präsentiert am 1. März 2024 sein erstes Programm als Intendant der Wiener Festwochen und kündet die Ausrufung der Freien Republik Wien an.

Ich stimme Bucheli in Vielem zu, nur:

Es ist äußerst langweilig, wenn sich die Linke dadurch profiliert, dass sie gegen den Rechtsruck ist. Der ist gefährlich, macht dumm und gewalttätig. Aber darauf mit dem Finger zu zeigen, macht die Rechten nur interessant. Negation ist keine eigene Idee. Mit der Zeit wird man infiziert vom Negierten.

Den »Linken« fehlen starke, riskante Entscheidungen. Sie/ Wir haben es verlernt Risiken einzugehen. Die Zukunft ist ungewiss. In einer solchen Situation  zählt, dass jemand, eine Gruppe, bereit ist, Schuld auf sich zu laden, und nicht allem und jedem gerecht zu werden.

Eine Baustelle wäre die Diskussion um neue Gesellungsformen, die die Nachteile des Individualismus aufheben, die eine »Religionskritik« praktisch betreiben, indem sie nicht vom System, vom Staat, von der Politik, von »Gott« Erlösung erhoffen:

Arbeit in ihren sozialen Formen verändern, Arbeit nicht als lästig, Urlaub und Rente als Erlösung propagieren.

 Bucheli hat seine Freude am Konservatismus der Linken. Sei sie ihm gegönnt. Aber er hat das zu feine ironische Spiel von Milo Rau nicht verstanden. Es ist ein Theaterstück.

Es braucht ein Nachdenken über die Art der Förderung der Künste, nicht ein Streichen. Aber bei Gutachterverfahren auch oft nur das Altbewährte gefördert wird und der technische und personelle Anspruchsdruck der öffentlichen Häuser bringt nicht notwendig bessere Künste hervor.

Künste müssen gewollt werden. Die Leute müssen ihre Entscheidungen mit eigener Energie und Lebenszeit bezahlen.

Das hätte auch Auswirkungen das hochsubventionierte Heer von Managern, Unternehmensberatern, die den Auftraggebern vor allem die Erleichterung bringen: Ich bin wissenschaftlich beraten worden. Mich trifft keine Schuld.

Red. Sonia Simmenauer & Dagmar Jacobsen

Kant in der Orangerie

Einstein Forum: Kunstinstallation „Die Macht der Aufklärung – Walking with Kant“ von Saskia Boddeke und Peter Greenaway in der Orangerie im Potsdamer Neuen Garten. 24.08. bis 25.09.2024

Operninszenierung Kants übersetzt in eine Videoinstallation mit museumarchitektonischen und bühnenbildnerischen Einschüben, aufgeführt in den Räumen eines ehemaligen Gewächshauses (1771-1772 von Friedrich Wilhem II in Auftrag gegeben) eines monarchischen Ambientes mit königlichen Gärten, Seen und Schlössern. Von der Monarchie sehr stark geprägt, von Friedrich II., der sich als Aufklärer verstand. In der Lebenszeit überschnitten sich Kant und Friedrich. Kant soll Friedrichs Sympathien für die Aufklärung geschätzt und für dessen Aufklärungsabsichten Respekt entwickelt haben. Seinen Gedanken in „Was ist Aufklärung?“ entsprach die Politik Friedrichs tangential.

Kant kommt aus Königsberg über Boddeke und Greenaway nach Potsdam ins Treibhaus, dorthin, wo etwas wuchs, blühte, Früchte trug oder nur eine Zier war, was draußen eingehen würde.

Gut für die aktuelle Situation aus Kant ausgewählte Sätze kommen englisch auf den wandernden Betrachter zu. Die Einbauten in die Orangerie schirmen diese ganz und gar vom Tageslicht ab. Hochartifizielle Vergegenwärtigung der Aufklärung. Für das Licht, was von oben kommt brauchen die Kuratoren Wasser, wie aus Duschköpfen. Nur perliger. Die Kantfigur gerät dabei auch ins Rutschen.

Im Raum der Auseinandersetzung oder Entgegensetzung von Tod und Hoffnung träufelt von oben Wasser auch in Echt von der Decke in ein Bassin. Es benetzt den Widerstreit, der sich dauernd gegenseitig infiltriert.

Die Folgen der Aufklärung haben die Orangerie konvertiert.

Orangen kann man bei der EDEKA kaufen, der Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler.

Olaf Scholz war auch da. Er durfte bei der Eröffnung reden. Er sprach frei über Kant in guter Laune und mit Schmunzeln, hörte ich.

Ich kam wegen Bus- und Zugverspätung und der Wegweisung durch Ortsansässige zu spät. Man hatte mich zur anderen Orangerie geschickt. Das führte zu einem schnellen Spaziergang.

Susan Neiman sagte, was gesagt werden muss, freundlich, überraschend uninspiriert. Boddeke belebt, Greenaway kurz und mühsam, die Tochter, Pip Greenaway, die mitgewirkt hat, enthusiastisch. Sie betonte, dass sie für die nächste Generation spräche.

KLUFT

https://psybi-berlin.de/wp-content/uploads/2022/04/PDF-Elemente-d.-Psychoanlayse-6.pdf

10.05.2022   »Kluft« – Karl-Josef Pazzini
»Wie immer sich die Philosophie über die Kluft zwischen Leiblichem und Seelischem hinwegsetzen mag, für unsere Erfahrung besteht sie zunächst und gar für unsere praktischen Bemühungen.« Freud Frage der Laienanalyse, GW 14, S. 282

»… zum Wesen der Ursache gehöre, daß eine gewisse Kluft bestehen bleibt.«  Lacan, Jacques.  1978.  Die Vier Grundbegriffe Der Psychoanalyse. Seminar 11 (1964-1965), S. 27

Verteidigung durch Bildung

Von den 100 Milliarden für Verteidigung sollen auch 10 Milliarden für Verteidigung durch Bildung ausgegeben werden. – Meinte eben jemand im Super-Markt

»Viele Erkenntnisse sind außer Proportion mit der Kräfteverteilung nichtig, mögen sie auch formal zutreffen.«

Habe gerade gefunden, wovon mein Statement von gestern wohl beeinflusst war, ohne dass ich es wusste:
»34
Hans-Guck-in-die-Luft. – Zwischen der Erkenntnis und der Macht besteht nicht nur der Zusammenhang des Lakaientums, sondern auch einer der Wahrheit. Viele Erkenntnisse sind außer Proportion mit der Kräfteverteilung nichtig, mögen sie auch formal zutreffen. Wenn der ausgewanderte Arzt sagt: »Für mich ist Adolf Hitler ein pathologischer Fall«, so mag ihm der klinische Befund am Ende seiner Aussage bestätigen, aber deren Mißverhältnis zu dem objektiven Unheil, das im Namen des Paranoikers über die Welt geht, macht die Diagnose lächerlich, in der bloß der Diagnostiker sich aufplustert. Vielleicht ist Hitler »an sich« ein pathologischer Fall, ganz gewiß aber nicht »für ihn«. Die Eitelkeit und Armseligkeit vieler Kundgaben der Emigration gegen den Faschismus hängt damit zusammen. Die in Formen der freien, distanzierten, desinteressierten Beurteilung Denkenden waren unfähig, in jene Formen die Erfahrung der Gewalt mit aufzunehmen, welche real solches Denken außer Kraft setzt. Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.«
Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben (1951). Frankfurt a. M. 1970: Suhrkamp
»Sich nicht dumm machen zu lassen«, Abschied zu nehmen von der Leidenschaft der Ignoranz, kann man mit anderen zusammen üben und sich stärken (lassen).

Wunschdenken 1 & 2

Wunschdenken 1

Es ist die Rede von Putins Hass und Wahn und Narzissmus.Als ob ein Mensch alleine einen Krieg mit soviel Destruktion auslösen könnte aufgrund einer individuelle Pathologie.

Das ist Denkersparnis durch individualistische Dämonisierung.

Es ist wahrscheinlich komplizierter. Wie wurde in Russland und außerhalb Russlands mit dazu beigetragen ein soziales Band zu bilden, dass es einem Individuum, genannt »Putin«, die Möglichkeit gibt an dieser Stelle zu agieren, als habe er die Macht und Bosheit so agieren zu können.

Wunschdenken 2

All die Besuche von großen Männern haben ihn aufgeladen. Gedankenspiel: Macron, Scholz, von der Leyen fliegen nach Moskau, um mit Leuten auf der Straße zu reden? (Und der Papst gleich hinterher. Steinmeier lädt Erdogan ein mitzufliegen.)

Karl-Josef Pazzini: Die Zukunft der Museen ist Vergangenheit ‍ Museum und Katastrophen. Ad Pomian

Es ist eine gute Gelegenheit aus Anlass der Pandemie das Museum als Institution anzusehen und dessen Zukunftsfähigkeit zu erraten. Die Pandemie hat nichts von einer Ursache. Sie ist viel besser zu begreifen als Folge des Neoliberalismus. Die Pandemie wird oft als plötzlich einfallende Naturkatastrophe verkleidet.

Antwort auf:

Krzysztof Pomian: Wie schlecht steht es wirklich um die Zukunft der Museen?

Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 24.11.2020, Nr. 274, S. 12.

https://www.museumdenken.eu/post/die-zukunft-der-museen-ist-vergangenheit

Ulrich Matthes liest Freud

In der SZ streiten die SPD-Politikerin Gesine Schwan und der Schauspieler Ulrich Matthes in einem sehr lesenswerten Gespräch über Identitätspolitik. Schwan pocht mit Immanuel Kant auf die Trennung von Gefühl und Argument: „Der hat es nicht so sehr mit Empathie, weil das Gefühlsmäßige ihm zu subjektiv ist. Er sagt das verstandesmäßig, wenn er fordert, sich an die Stelle der anderen zu versetzen. Das ist eine Frage der Einbildungskraft, nicht des Gefühls. Und wenn wir jetzt zu dem Schluss kämen, dass ich das nur kann, wenn ich völlig mit der anderen Person identisch bin, dann ist Verständigung in einer vielfältigen Gesellschaft gar nicht möglich. Ich finde auch den Versuch schwierig, auf das eigene Anliegen aufmerksam zu machen, wenn das verbunden wird mit einer sehr offensiven Selbstdefinition als Opfer, man traut sich dann kaum noch, etwas zu antworten. Das suggeriert, dass Widerspruch unsensibel ist für Leid. Und schwierig ist es auch, wenn sich eine Seite eigentlich gar nicht verständigen, sondern die Bühne erobern will.“
Matthes dagegen verteidigt die Emotion: „Meine Wut gegen die AfD ist so groß, dass ich möglicherweise keine Argumente, keine Empathie, kein gar nichts mehr zur Verfügung hätte, wenn es ‚pling‘ machte, und plötzlich stünde Alexander Gauland vor mir. Wir sind ja alle nicht nur aus Kant und Descartes und Platon gemacht, sondern auch aus Sigmund Freud und schwarzer Galle.“

https://www.perlentaucher.de/9punkt/2021-03-13.html?nle_id=9618